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Spermidin hat bei Tieren eindrucksvolle Ergebnisse geliefert, beim Menschen bisher nicht. Mäuse lebten mit Spermidin im Futter länger und hatten im Alter ein gesünderes Herz (Eisenberg und Kollegen 2016). Bei Menschen gibt es dagegen nur Zusammenhänge aus Ernährungsfragebögen, und eine zwölfmonatige Studie mit einem Spermidin-Präparat gegen ein Scheinpräparat fand keinen Effekt auf das Gedächtnis (Schwarz und Kollegen 2022). Dieser Ratgeber trennt, was gemessen wurde, von dem, was daraus gerne gemacht wird, und zeigt, in welchen Lebensmitteln Spermidin tatsächlich steckt.

Mann im rostfarbenen Leinenhemd füllt Weizenkeime in eine Papiertüte am Marktstand neben gereiftem Käse und Pilzen
Spermidin: Was die Studien zeigen und was nicht

Was Spermidin ist

Spermidin ist ein Polyamin, ein kleines Molekül, das in allen pflanzlichen Lebensmitteln vorkommt und dort meist das vorherrschende Polyamin ist (Muñoz-Esparza und Kollegen 2019). Der Körper bildet Polyamine auch selbst, die eigene Herstellung nimmt mit dem Alter aber ab. Deshalb gewinnt die Zufuhr über das Essen bei älteren Menschen an Gewicht, schreibt dieselbe Übersichtsarbeit, und hält im selben Atemzug fest, dass es keine Empfehlung für die tägliche Aufnahme von Polyaminen gibt.

Das Interesse der Forschung hängt an einem Vorgang namens Autophagie. Dabei baut die Zelle beschädigte Bestandteile ab und verwertet sie wieder. Bei Mäusen verstärkte Spermidin diesen Vorgang im Herzmuskel, und der Herzschutz hing genau daran: Mäusen, denen ein für die Autophagie nötiges Eiweiß im Herzmuskel fehlte, half Spermidin nicht mehr (Eisenberg und Kollegen 2016). Der Mechanismus ist im Tier also gut beschrieben. Ob er beim Menschen über das Essen oder ein Präparat in Gang kommt, ist eine andere Frage, und um die geht es in den nächsten Kapiteln.

Wer verstehen will, wie Lebensstil und Erbgut zusammenspielen, findet die Grundlagen im Ratgeber zur Epigenetik.

Die starken Ergebnisse stammen aus Tierversuchen

Die eindrucksvollsten Ergebnisse zu Spermidin stammen aus Tierversuchen. Spermidin hat bei Fadenwürmern die maximale und bei Mäusen die mittlere Lebensdauer verlängert, fasst eine Arbeit von Filfan und Kollegen 2020 den damaligen Stand zusammen.

Mäuse: längeres Leben und ein jüngeres Herz

Die bekannteste Studie gab Mäusen Spermidin über das Futter. Die Tiere lebten länger, und im Alter war ihr Herz weniger verdickt und füllte sich besser (Eisenberg und Kollegen 2016). Bei Ratten mit salzreicher Kost, einem Modell für Bluthochdruck, sank der Blutdruck, und der Übergang zur Herzschwäche verzögerte sich.

Ratten: gesünder, aber nicht länger am Leben

Eine spätere Studie hat Spermidin an männlichen Ratten im mittleren Alter geprüft, langfristig über das Trinkwasser. Das Ergebnis: Spermidin verlängerte weder die mittlere noch die maximale Lebensdauer der Tiere (Filfan und Kollegen 2020). Die behandelten Ratten waren trotzdem in besserer Verfassung: günstigeres Körpergewicht, gesünderes Gewebe in Niere, Leber und Herz, weniger Angstverhalten und weniger Entzündungsmarker im Gehirn. Die Autoren sprechen deshalb von einer längeren Gesundheitsspanne, nicht von einem längeren Leben.

Das ist der ehrliche Stand aus dem Tierversuch: Je nach Tierart, Alter beim Start und Art der Gabe fällt das Ergebnis verschieden aus. Ein Beweis für den Menschen ist keiner dieser Versuche.

Beim Menschen gibt es Zusammenhänge, keinen Beweis

Beim Menschen stützt sich die Hoffnung auf Beobachtungsstudien, also auf Menschen, die befragt und über Jahre begleitet wurden. Die wichtigste davon ist eine Bevölkerungsstudie mit 829 Teilnehmenden zwischen 45 und 84 Jahren, deren Ernährung von 1995 bis 2010 mehrfach mit Fragebögen erfasst wurde. Bis 2015 starben 341 von ihnen (Kiechl und Kollegen 2018).

Das Ergebnis ist deutlich: Im Drittel mit der geringsten Spermidin-Aufnahme starben 40,5 Menschen je 1.000 Personenjahre, im mittleren 23,7 und im obersten 15,1. Nach Bereinigung um Alter, Geschlecht, Lebensstil und weitere Risikofaktoren lag das Sterberisiko je Standardabweichung mehr Spermidin bei einer Hazard Ratio von 0,76, also um 24 Prozent niedriger. Eine zweite, unabhängige Gruppe zeigte ein ähnliches Bild. Den Abstand zwischen oberstem und unterstem Drittel beziffern die Autoren auf das Sterberisiko von Menschen, die 5,7 Jahre jünger sind.

Was diese Zahlen nicht zeigen, ist eine Ursache. Die Autoren formulieren es selbst vorsichtig: Ihre Ergebnisse geben dem Konzept, dass eine spermidinreiche Ernährung mit längerem Überleben zusammenhängt, epidemiologische Unterstützung. Das Spermidin stammte in dieser Studie vor allem aus pflanzlichen Lebensmitteln wie Paprika, Getreide und Pilzen (Muñoz-Esparza und Kollegen 2019), und eine Fragebogenstudie kann nicht trennen, welcher Bestandteil einer solchen Ernährung den Unterschied macht.

Herz und Blutdruck

Dasselbe gilt für das Herz. In der Mausstudie von Eisenberg und Kollegen 2016 steckt auch eine Auswertung an Menschen: Wer laut Ernährungsfragebogen viel Spermidin aufnahm, hatte im Schnitt einen niedrigeren Blutdruck und seltener eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Auch das ist ein Zusammenhang. Eine Studie, in der Menschen Spermidin bekamen und danach ein gesünderes Herz hatten, gibt es in diesen Quellen nicht. Wer Bluthochdruck oder eine Herzerkrankung hat, ersetzt mit Spermidin also keine Behandlung.

Welche Faktoren die Lebenserwartung sonst beeinflussen, steht im Ratgeber Lebensdauer verlängern.

Gedächtnis: zwölf Monate Spermidin ohne Effekt

Für das Gedächtnis gibt es eine Studie, die genau die Frage prüft, um die es geht. In der SmartAge-Studie bekamen 100 Menschen zwischen 60 und 90 Jahren, die selbst ein Nachlassen ihres Gedächtnisses bemerkten, zwölf Monate lang entweder ein Spermidin-Präparat aus Weizenkeimen mit 0,9 Milligramm pro Tag oder ein Scheinpräparat. Weder die Teilnehmenden noch die Forschenden wussten, wer was bekam (Schwarz und Kollegen 2022).

Das Ergebnis: kein Unterschied. Beim gemessenen Gedächtnistest lag die Differenz zwischen den Gruppen bei minus 0,03, statistisch nicht von null zu unterscheiden, und auch die weiteren Messgrößen änderten sich nicht. Die Autoren schreiben, die längere Einnahme habe Gedächtnis und Biomarker im Vergleich zum Placebo nicht verändert. Nebenwirkungen waren in beiden Gruppen gleich verteilt.

In zusätzlichen, explorativen Auswertungen fanden sich Hinweise auf weniger Entzündung und ein besseres sprachliches Gedächtnis. Die Autoren betonen, dass diese erst in künftigen Studien mit höherer Dosis bestätigt werden müssen. Ein solcher Hinweis ist ein Grund für die nächste Studie, kein Ergebnis.

Der Satz, Spermidin verbessere die geistige Leistung, lässt sich damit nicht halten. Wer Gedächtnisprobleme bei sich bemerkt, ist mit einer ärztlichen Abklärung besser beraten als mit einem Präparat.

Präparate: was im Blut ankommt

Wie viel Spermidin aus einem Präparat im Blut ankommt, war lange gar nicht untersucht. Das hat eine kleine, sorgfältig kontrollierte Studie nachgeholt. Zwölf gesunde Erwachsene nahmen fünf Tage lang 15 Milligramm Spermidin pro Tag und in einer zweiten Phase ein Scheinpräparat (Senekowitsch und Kollegen 2023). Zum Vergleich: In der SmartAge-Studie waren es 0,9 Milligramm pro Tag.

Der Spermidinspiegel im Blut stieg nicht, ebenso wenig im Speichel. Gestiegen ist stattdessen Spermin, ein verwandtes Polyamin. Die Autoren schließen daraus, dass der Körper Spermidin aus der Nahrung schon vor dem Übertritt ins Blut in Spermin umbaut, und sie ziehen einen klaren Schluss: Es sei eher unwahrscheinlich, dass Spermidin-Präparate mit weniger als 15 Milligramm pro Tag kurzfristig überhaupt eine Wirkung entfalten. Ob eine Wirkung über Spermin oder über lange Zeiträume möglich ist, beantwortet die Studie nicht, sie lief nur fünf Tage.

Für den Alltag heißt das: Ein Spermidin-Präparat ist nach heutigem Stand eine Wette, keine belegte Maßnahme. Wer Medikamente nimmt oder eine Erkrankung hat, bespricht jedes Nahrungsergänzungsmittel vorher mit der Ärztin oder dem Arzt.

Spermidin im Essen: Weizenkeime und Soja vorne

Wer Spermidin über das Essen aufnehmen will, findet es vor allem in Getreide, Hülsenfrüchten und Sojaprodukten. Laut der Übersichtsarbeit von Muñoz-Esparza und Kollegen 2019 stechen Weizenkeime und Sojabohnen heraus. Pilze, Erbsen, Haselnüsse, Pistazien, Spinat, Brokkoli, Blumenkohl und grüne Bohnen enthalten ebenfalls nennenswerte Mengen.

Lebensmittel Spermidin in nmol pro Gramm
Weizenkeime 2.437
Sojabohnen 1.425
die meisten Käsesorten unter 69
Blauschimmelkäse (Einzelwert) 262
frisches Fleisch 1 bis 92
Milch und Joghurt 0,41 bis 5
Eier 1 bis 4

Die Werte sind Spannen und Einzelwerte aus verschiedenen Messungen. Der Gehalt schwankt je nach Herkunft, Anbau, Verarbeitung und Lagerung stark, schreiben die Autoren. Eine Tabelle wie diese zeigt also die Richtung, keine Menge, die man nachrechnen kann.

Was das für den Speiseplan heißt

  • Weizenkeime lassen sich über Müsli, Joghurt oder einen Smoothie streuen.
  • Hülsenfrüchte und Sojaprodukte wie Linsen, Erbsen, Tofu oder Miso passen in Suppen, Eintöpfe und Salate.
  • Pilze, Brokkoli, Blumenkohl und Spinat gehören ohnehin zu einer gemüsereichen Küche.
  • Käse ist keine besonders gute Quelle. Die meisten Sorten liegen weit unter Weizenkeimen und Soja.

Ob ein Nutzen am Spermidin hängt oder an der Ernährung insgesamt, ist offen, das zeigt das vorige Kapitel. Wie Ernährung, Bewegung und Schlaf zusammen auf die Zellen wirken, beschreibt der Ratgeber zur Zellverjüngung durch den Lebensstil.

Was in diesem Artikel früher stand

Dieser Ratgeber hieß bis Oktober 2026 „Spermidin Anti-Aging: 5 faszinierende Fakten“. Mehrere seiner Aussagen halten der Prüfung nicht stand, und zwei davon widersprachen sogar den Studien, die er selbst als Quelle nannte. Damit nichts davon weiter im Umlauf bleibt, steht hier, was entfernt wurde und warum.

  • „Spermidin verbessert die kognitive Funktion“, so lautete eine Kapitelüberschrift. Die als Quelle genannte SmartAge-Studie fand nach zwölf Monaten keinen Effekt auf das Gedächtnis (Schwarz und Kollegen 2022).
  • Präparate „können die tägliche Spermidinaufnahme effektiv ergänzen“. Die als Quelle genannte pharmakokinetische Studie fand selbst bei 15 Milligramm pro Tag keinen höheren Spermidinspiegel im Blut (Senekowitsch und Kollegen 2023).
  • Eine Rattenstudie stand im Quellenverzeichnis unter einem Titel, den sie nicht trägt. Sie heißt anders und fand bei Ratten keine längere Lebensdauer (Filfan und Kollegen 2020). Für Mäuse ist eine Verlängerung belegt, für Ratten nicht.
  • Spermidin verlangsame den Verlust der Telomere und verringere sichtbare Zeichen der Alterung. Für beides nannte der Artikel keinen Beleg, und keine der hier geprüften Studien hat es untersucht.
  • „Die Vorteile von Spermidin sind vielfältig und gut dokumentiert.“ Gut dokumentiert sind Tierversuche und Zusammenhänge beim Menschen, nicht die Vorteile selbst.
  • Gereifter Käse habe einen hohen Spermidin-Gehalt. Die meisten Käsesorten liegen unter 69 nmol pro Gramm, Weizenkeime bei 2.437 (Muñoz-Esparza und Kollegen 2019).

Fazit: ein spannender Stoff, kein Jungbrunnen

Die Tierversuche zu Spermidin sind ernst zu nehmen, beim Menschen ist der Stand aber nüchtern. Wer mehr Spermidin isst, lebt in Beobachtungsstudien länger, ohne dass klar ist, ob es am Spermidin liegt. Die zwölfmonatige Placebo-Studie mit einem Präparat fand keinen Effekt auf das Gedächtnis, und Präparate heben den Spermidinspiegel im Blut nach heutigem Wissen gar nicht an.

Wer trotzdem mehr Spermidin essen will, greift zu Weizenkeimen, Hülsenfrüchten, Soja, Pilzen und Gemüse und braucht dafür kein Präparat. Wer eine Erkrankung hat oder ein Präparat erwägt, klärt das mit der Ärztin oder dem Arzt, denn Spermidin ersetzt keine Behandlung.

Worauf sich das stützt

Häufige Fragen

Bei Mäusen ja: Spermidin im Futter verlängerte ihre Lebensdauer (Eisenberg und Kollegen 2016). Bei Ratten im mittleren Alter dagegen nicht, dort verbesserte es nur den Gesundheitszustand (Filfan und Kollegen 2020). Beim Menschen gibt es nur Beobachtungsdaten: Wer laut Fragebogen mehr Spermidin aß, hatte ein niedrigeres Sterberisiko (Kiechl und Kollegen 2018). Ein Beweis, dass Spermidin die Ursache ist, ist das nicht.

Nach heutigem Stand nicht. In der SmartAge-Studie nahmen 100 Menschen zwischen 60 und 90 Jahren zwölf Monate lang 0,9 Milligramm Spermidin pro Tag oder ein Scheinpräparat. Beim Gedächtnis gab es keinen Unterschied zwischen den Gruppen (Schwarz und Kollegen 2022).

Das ist nicht belegt. Selbst 15 Milligramm pro Tag erhöhten bei zwölf gesunden Erwachsenen den Spermidinspiegel im Blut nicht (Senekowitsch und Kollegen 2023). Die Autoren halten kurzfristige Effekte unter dieser Dosis für eher unwahrscheinlich. Wer Medikamente nimmt oder eine Erkrankung hat, spricht vor der Einnahme mit der Ärztin oder dem Arzt.

Vor allem Weizenkeime mit 2.437 und Sojabohnen mit 1.425 nmol pro Gramm. Auch Pilze, Erbsen, Haselnüsse, Pistazien, Spinat, Brokkoli, Blumenkohl und grüne Bohnen enthalten nennenswerte Mengen. Die meisten Käsesorten liegen dagegen unter 69 nmol pro Gramm (Muñoz-Esparza und Kollegen 2019).

Dafür gibt es keine Empfehlung. Die Übersichtsarbeit von Muñoz-Esparza und Kollegen 2019 hält ausdrücklich fest, dass keine Empfehlung für die tägliche Aufnahme von Polyaminen existiert, zu denen Spermidin gehört. Mengenangaben auf Präparaten sind deshalb Herstellerangaben, keine Richtwerte.

Über den Autor: Christian Hager
Profilbild Christian Hager - Herausgeber, Redaktion und Autor
Christian Hager ist Herausgeber und Autor von ganzheitliche-gesundheit.at. Seit August 2023 arbeitet er bei EVOLUTION International, einem österreichischen Unternehmen für Nahrungsergänzungsmittel. In seinen Artikeln verbindet er persönliche Erfahrung, beruflichen Einblick und sorgfältig recherchiertes Wissen.

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