Der Satz steht in fast jedem Ratgeber: Nüsse enthalten Melatonin, also helfen sie beim Einschlafen. Der erste Teil stimmt. Der zweite folgt daraus nicht.
Das Merkwürdige daran: Es gibt inzwischen zwei kontrollierte Studien, die tatsächlich einen Effekt gefunden haben. Menschen, die über Wochen Mandeln oder Walnüsse gegessen haben, schliefen schneller ein und bewerteten ihren Schlaf besser. Nur lässt sich das mit dem Melatonin in den Nüssen nicht erklären. Die Menge ist dafür um mehrere Größenordnungen zu klein.
Dieser Ratgeber trennt beides. Er zeigt dir, was in den Studien wirklich gemessen wurde, warum die verbreitete Erklärung nicht trägt, und was daraus für deinen Abend folgt. Die kurze Version vorweg: Nüsse am Abend sind eine gute Entscheidung, aber nicht als Einschlafmittel.

Was zwei kontrollierte Studien tatsächlich gemessen haben
Bis vor kurzem gab es zu Nüssen und Schlaf fast nur Laborwerte und Vermutungen. Inzwischen liegen zwei Studien vor, in denen Menschen über Wochen Nüsse gegessen haben und ihr Schlaf mit anerkannten Verfahren erfasst wurde.
Mandeln über fünf Monate
In einer randomisierten kontrollierten Studie aus dem Jahr 2026 haben 175 Erwachsene zwischen 21 und 55 Jahren mitgemacht, alle mit schlechter Schlafqualität. Eine Gruppe bekam täglich 60 Gramm rohe Mandeln, also etwa 50 Stück, verteilt auf einen Vormittags- und einen Abendsnack. Die Kontrollgruppe bekam einen Snack mit gleich vielen Kalorien. Nach fünf Monaten war die selbst eingeschätzte Schlafeffizienz in der Mandelgruppe deutlicher gestiegen als in der Kontrollgruppe, die Einschlafzeit lag bei 18,5 gegenüber 26,3 Minuten, und der Gesamtwert im Pittsburgh-Schlafqualitäts-Index war niedriger.
Der entscheidende Teil steht im selben Ergebnisabschnitt und fehlt in fast jeder Zusammenfassung: Bei der Messung im Schlaflabor zeigte sich fast nichts. Die Polysomnographie fand für die meisten Parameter keine bedeutsamen Unterschiede zwischen den Gruppen. Nur bei den Teilnehmern, deren Fragebogenwert sich klar verbessert hatte, waren auch die nächtlichen Wachphasen kürzer.
Dazu kommt: Die Studie war offen, alle wussten also, in welcher Gruppe sie waren. Und die Mandeln stellte der kalifornische Mandelverband zur Verfügung.
Walnüsse über acht Wochen
Die zweite Studie, 2025 erschienen, hat 76 junge Erwachsene im Wechselverfahren untersucht. Acht Wochen lang gab es täglich 40 Gramm Walnüsse zum Abendessen, dann eine zweiwöchige Pause, dann der umgekehrte Durchgang. Gemessen wurde unter anderem 6-Sulfatoxymelatonin im Urin, das ist das Abbauprodukt, an dem sich ablesen lässt, wie viel Melatonin der Körper ausgeschüttet hat.
Das Ergebnis: In der Walnussphase stieg dieser Wert am Abend an, die Einschlafzeit verkürzte sich, die selbst berichtete Schlafqualität stieg und die Tagesmüdigkeit sank. Die Autorinnen und Autoren schreiben allerdings selbst, dass die zugrunde liegenden Mechanismen noch nicht verstanden sind.
Beide Studien zeigen also einen Effekt, und beide sind ehrlich genug, die Grenzen mitzuliefern. Was sie nicht zeigen: dass eine einzelne Handvoll Nüsse kurz vor dem Zubettgehen müde macht. Getestet wurde in beiden Fällen eine feste Portion über Wochen, nicht ein Snack an einem Abend.
Warum das Melatonin in der Nuss die Wirkung nicht erklärt
Melatonin ist das Hormon, das deinem Körper signalisiert, dass der Tag vorbei ist. Es steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus und wird abends in der Zirbeldrüse gebildet, sobald es dunkel wird. Dass Pflanzen ebenfalls Melatonin enthalten, ist gut belegt. Die Frage ist nur, wie viel davon in einer Portion Nüsse steckt.
In der Europäischen Union ist diese Grenze sogar rechtlich festgelegt. Ein Lebensmittel darf nur dann damit werben, die Einschlafzeit zu verkürzen, wenn eine Portion 1 Milligramm Melatonin enthält, so steht es in der Verordnung 432/2012. Das ist die Menge, für die eine Wirkung als belegt gilt. Und daran gemessen sieht es so aus:
| Nuss | Melatonin je Gramm | In der Studienportion | Abstand zur 1-Milligramm-Schwelle |
|---|---|---|---|
| Mandeln | rund 39 Nanogramm | 60 g enthalten rund 2,3 Mikrogramm | rund das 400-fache fehlt |
| Walnüsse | rund 3,5 Nanogramm | 40 g enthalten rund 0,14 Mikrogramm | rund das 7000-fache fehlt |
Ein Nanogramm ist ein Millionstel Milligramm. Selbst die großzügig bemessene Studienportion Mandeln liegt also nicht knapp unter der Wirkschwelle, sondern um mehrere Größenordnungen darunter. Wer die Wirkung über das aufgenommene Melatonin erklären will, müsste ungefähr zweieinhalb Kilogramm Mandeln pro Abend essen.
Woher die hohen Zahlen im Netz stammen
Wenn du im Netz suchst, findest du für Pistazien Werte von 233 oder sogar 660 Nanogramm je Gramm, also ein Vielfaches der Mandelwerte. Diese Zahlen gehen auf eine einzelne Messung aus dem Jahr 2014 zurück. Die Zeitschrift, die sie veröffentlicht hat, hat dazu im Jahr 2019 eine Expression of Concern herausgegeben, also einen formellen Vorbehalt gegen die eigene Veröffentlichung. Eine Zahl mit diesem Vermerk taugt nicht als Grundlage für eine Empfehlung.
Eine zweite hohe Zahl, die häufig herumgereicht wird, stammt aus einer Untersuchung an einem Pistazien-Extrakt. Ein Extrakt ist ein Konzentrat, in dem der Wirkstoff aus einer viel größeren Menge Rohware angereichert wurde. Dieser Wert lässt sich nicht auf die Nuss übertragen, die du isst.
Die Studie, die falsch weitererzählt wird
Es gibt eine oft zitierte Arbeit der University of Texas zu Walnüssen und Melatonin. Sie ist echt, aber sie sagt etwas anderes, als ihr zugeschrieben wird. Erschienen ist sie 2005, nicht in den letzten Jahren. Gemessen wurde ein Melatoningehalt von 3,5 Nanogramm je Gramm Walnuss. Und die Fütterungsversuche danach fanden an Ratten statt, nicht an Menschen. Der Schlaf der Tiere wurde nicht erfasst, gemessen wurden Melatonin und die antioxidative Kapazität im Blut. Eine Verbesserung der Schlafqualität um einen bestimmten Prozentsatz steht in dieser Arbeit nirgends.
Was den Effekt wahrscheinlicher erklärt
Wenn nicht das Melatonin in der Nuss, was dann? Die ehrliche Antwort lautet: Das ist nicht abschließend geklärt. Es gibt aber drei Spuren, die deutlich besser zu den Messwerten passen als die Melatonin-Erzählung.
Der Körper schüttet mehr aus, statt mehr aufzunehmen
In der Walnuss-Studie stieg das Abbauprodukt von Melatonin im Abendurin an. Weil die aufgenommene Menge dafür viel zu klein ist, spricht das dafür, dass der Körper selbst mehr produziert hat. Ein möglicher Weg führt über Tryptophan, den Baustein, aus dem der Körper zuerst Serotonin und daraus Melatonin herstellt. Mandeln enthalten davon rund 209 Milligramm je 100 Gramm. Bewiesen ist dieser Weg nicht, aber er ist plausibel und deckt sich mit dem, was gemessen wurde.
Es zählt, was die Nüsse ersetzen
Dieser Punkt wird fast immer übersehen und ist vermutlich der wichtigste. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2016 hat bei 26 Erwachsenen im Schlaflabor geprüft, wie sich das Essen eines Tages auf die folgende Nacht auswirkt. Das Ergebnis: Mehr Ballaststoffe hingen mit mehr Tiefschlaf zusammen, ein höherer Anteil gesättigter Fette mit weniger Tiefschlaf, und ein höherer Zuckeranteil mit mehr nächtlichen Aufwachreaktionen.
Wer abends Chips, Kekse oder Schokolade durch eine Handvoll ungesalzener Nüsse ersetzt, verschiebt genau diese drei Größen in die günstige Richtung. Der Effekt käme dann nicht aus der Nuss, sondern aus dem, was nicht mehr auf dem Tisch steht. Das ist eine unspektakuläre Erklärung, aber sie passt zu den Daten.
Magnesium hilft, wenn es fehlt
Nüsse sind eine gute Magnesiumquelle. 28 Gramm Mandeln liefern rund 77 Milligramm, das ist etwa ein Fünftel des Tagesbedarfs eines Erwachsenen. Zur Rolle von Magnesium im Körper findest du bei uns einen eigenen Beitrag.
Beim Schlaf lohnt sich allerdings eine Unterscheidung. Dass ein Magnesiummangel den Schlaf stören kann, ist unbestritten. Dass zusätzliches Magnesium bei Menschen ohne Mangel den Schlaf verbessert, ist dagegen dünn belegt. Eine Auswertung von 2021 fand dazu nur drei kontrollierte Studien mit zusammen 151 älteren Menschen. Die Einschlafzeit war darin im Mittel 17 Minuten kürzer, aber die Autoren stufen die Qualität der Belege selbst als niedrig bis sehr niedrig ein. Eine breitere Übersicht von 2024 kam zu einem ähnlichen Schluss und hält einen Nutzen vor allem dort für wahrscheinlich, wo der Ausgangswert niedrig ist.
Wichtig für die Einordnung: In diesen Studien ging es um Präparate mit mehreren hundert Milligramm. Eine Handvoll Nüsse ist ein sinnvoller Beitrag zur täglichen Versorgung, aber keine Dosis, die auf eine einzelne Nacht wirkt.
Was das für deinen Abend heißt
Aus den Studien lassen sich ein paar konkrete Punkte ableiten. Keiner davon macht Nüsse zum Schlafmittel, aber zusammen ergeben sie eine vernünftige Abendgewohnheit.
- Die Menge: Rund 28 bis 30 Gramm, also eine kleine Handvoll. Das ist die Portionsgröße, auf die sich auch die Forschung zur Herzgesundheit bezieht. Die Schlafstudien haben mit 40 und 60 Gramm gearbeitet, dort allerdings über den Tag verteilt.
- Regelmäßigkeit statt Einzelfall: Beide Studien haben über Wochen gemessen. Ein einzelner Abend mit Nüssen ist kein Test, an dem sich etwas ablesen lässt.
- Ungesalzen und ungezuckert: Salz und Zucker sind genau die Bestandteile, die in der Schlaflabor-Untersuchung mit unruhigerem Schlaf zusammenhingen.
- Nicht direkt vor dem Hinlegen: Nüsse sind fettreich und werden langsam verdaut. Wenn du sie einbaust, dann eher zum oder nach dem Abendessen, so wie es die Walnuss-Studie gemacht hat, nicht als letzte Handlung vor dem Bett.
- Als Ersatz denken, nicht als Ergänzung: Der wahrscheinlichste Nutzen entsteht, wenn die Nüsse etwas anderes verdrängen. Zusätzlich zum bisherigen Abendsnack bringen sie vor allem Kalorien.
Wenn du am Abend ohnehin etwas verändern willst, ist die Reihenfolge entscheidend. Feste Zeiten, Licht und Bildschirme wirken beim Schlaf deutlich stärker als die Zusammensetzung eines Snacks. Dafür haben wir eine eigene Abendroutine in sieben Schritten und eine Übersicht mit sieben Ansätzen für bessere Schlafqualität zusammengestellt.
Warum ich die Wirkung einer Handvoll Nüsse nicht an mir selbst messen könnte
Ich nutze seit einiger Zeit einen Schlaf-Tracker und finde es erstaunlich, wie stark sich mein Schlaf von Nacht zu Nacht unterscheidet. Wenn ich rückblickend nach Erklärungen für eine schlechte Nacht suche, kommen immer dieselben Kandidaten infrage: spätes Essen, Stress oder lange Bildschirmzeit. Genau deshalb lässt sich die Frage, ob eine Handvoll Nüsse etwas bringt, an einer einzelnen Person kaum beantworten. Der Unterschied zwischen zwei Nächten ist größer als der Effekt, den die Studien für eine solche Portion gefunden haben.
Einmal war ein Nährstoff bei mir tatsächlich der entscheidende Hebel, aber anders, als es in solchen Ratgebern steht. Bei mir kam ein Magnesiummangel dazwischen, der erst behoben werden musste, bevor überhaupt etwas anderes greifen konnte. Das stand im Blutbild, nicht im Gefühl. Was danach wirklich etwas verändert hat, war die Reihenfolge: zuerst mehr Bewegung im Alltag, dann die Essgewohnheiten, dann feste Schlafzeiten. Die ganze Geschichte dazu steht im Beitrag über den Energiehaushalt im Alltag, und was der Tracker über meine Schlafphasen gezeigt hat, habe ich dort aufgeschrieben.
Was für Nüsse am Abend trotzdem spricht
Der schwache Punkt ist die Melatonin-Erzählung, nicht die Nuss. Für den regelmäßigen Verzehr gibt es eine Datenlage, die deutlich besser ist als alles, was zum Thema Schlaf vorliegt.
Eine Auswertung von 20 Beobachtungsstudien hat berechnet, wie sich das Risiko verändert, wenn jemand täglich 28 Gramm Nüsse mehr isst. Für die koronare Herzkrankheit lag das relative Risiko bei 0,71, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen insgesamt bei 0,79, für Krebs bei 0,85 und für die Gesamtsterblichkeit bei 0,78. Beim Schlaganfall zeigte sich dagegen kein bedeutsamer Zusammenhang.
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Es handelt sich um Beobachtungsstudien, die einen Zusammenhang zeigen und keine Ursache beweisen. Und Menschen, die regelmäßig Nüsse essen, unterscheiden sich oft auch sonst in ihrem Lebensstil. Die Autoren selbst formulieren ihre Hochrechnung deshalb im Konjunktiv.
Trotzdem bleibt der Befund bemerkenswert stabil, und er gilt für Baumnüsse wie für Erdnüsse gleichermaßen. Wer abends eine Handvoll Nüsse isst, tut also mit ziemlicher Sicherheit etwas Sinnvolles. Nur eben nicht in erster Linie für die kommende Nacht.
Kurz zusammengefasst
Nüsse enthalten Melatonin, aber in Mengen, die für eine Schlafwirkung nicht ausreichen. Die Portion, die in den Studien verwendet wurde, liegt um das Vierhundert- bis Siebentausendfache unter der Menge, ab der eine Wirkung in der EU überhaupt als belegt gilt. Die hohen Werte, die im Netz kursieren, stammen entweder aus einer Messung mit formellem Vorbehalt oder aus einem Extrakt.
Einen Effekt gibt es trotzdem. Zwei kontrollierte Studien haben nach Wochen mit Mandeln oder Walnüssen kürzere Einschlafzeiten und eine besser bewertete Schlafqualität gefunden. Im Schlaflabor blieb davon allerdings wenig messbar übrig. Am ehesten erklärt sich das dadurch, was die Nüsse verdrängen, denn weniger Zucker und gesättigtes Fett und mehr Ballaststoffe am Abend hängen mit ruhigerem und tieferem Schlaf zusammen.
Für die Praxis heißt das: eine kleine Handvoll ungesalzener Nüsse zum Abendessen statt eines anderen Snacks, regelmäßig statt einmalig, und ohne die Erwartung, dass es die Einschlafzeit spürbar verkürzt. Der belegte Gewinn liegt woanders, nämlich bei Herz und Gefäßen. Wer wirklich an seinem Schlaf arbeiten will, setzt zuerst bei Zeiten, Licht und Bewegung an. Wenn du daran weiterarbeiten willst, führt dich die Wissensreise Die Grundlagen gesunder Gewohnheiten und Routinen Schritt für Schritt durch die passenden Ratgeber.
Worauf sich das stützt
- Desai SR et al. (2026): Effects of almond consumption on sleep quality in adults: a randomized controlled trial. Frontiers in Nutrition 13:1892442. DOI 10.3389/fnut.2026.1892442
- Zerón-Rugerio MF et al. (2025): Daily walnut consumption increases 6-sulfatoxymelatonin urinary levels and can improve sleep quality: a randomized crossover trial. Food & Function 16:7023. DOI 10.1039/d5fo00971e
- Reiter RJ, Manchester LC, Tan DX (2005): Melatonin in walnuts: influence on levels of melatonin and total antioxidant capacity of blood. Nutrition 21:920. DOI 10.1016/j.nut.2005.02.005
- Expression of Concern (2019) zu Oladi E et al. (2014), Spectrochimica Acta Part A 217:322. DOI 10.1016/j.saa.2019.04.006
- Mah J, Pitre T (2021): Oral magnesium supplementation for insomnia in older adults: a systematic review and meta-analysis. BMC Complementary Medicine and Therapies 21:125. DOI 10.1186/s12906-021-03297-z
- Rawji A et al. (2024): Examining the effects of supplemental magnesium on self-reported anxiety and sleep quality: a systematic review. Cureus 16:e59317. DOI 10.7759/cureus.59317
- St-Onge MP et al. (2016): Fiber and saturated fat are associated with sleep arousals and slow wave sleep. Journal of Clinical Sleep Medicine 12:19. DOI 10.5664/jcsm.5384
- Aune D et al. (2016): Nut consumption and risk of cardiovascular disease, total cancer, all-cause and cause-specific mortality. BMC Medicine 14:207. DOI 10.1186/s12916-016-0730-3
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission, zugelassene gesundheitsbezogene Angabe zu Melatonin und der Verkürzung der Einschlafzeit.
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